Edelkastanie
Die Edelkastanie, eine alternative Baumart mit Potential?!
Die Ess- oder Edelkastanie (Castanea Sativa) ist noch ein sehr rar gesäter Baum in unseren bayerischen Wäldern. Zunehmend besteht aber Interesse an dieser „alternativen“ Baumart. Es lohnt sich, die Edelkastanie etwas genauer zu betrachten. Wir berichten, was Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer wissen sollten.
Verbreitung in Mitteleuropa
Nach der letzten großen Eiszeit hat sich die Edelkastanie rund um das Mittelmeer ausgebreitet. Dort kommt sie natürlicherweise vor. Geschätzt für ihre wohlschmeckenden Früchte und ihr Holz, welches z.B. für Rebstöcke genutzt wurde, verbreiteten die Römer die Esskastanie einst auch nördlich der Alpen und bis hin nach England. Sie gilt als einer der ersten echten „Gastbaumarten“, welche wir in Mitteleuropa haben.
Wohlschmeckende Früchte
Die von einer stacheligen Schale umgebenen Früchte, die wir vielleicht vom Weihnachtsmarkt geröstet kennen, kommen von Zuchtformen, bzw. veredelten Bäumen, die besonders große Früchte ausbilden. Gerade in Frankreich und Italien findet ein großflächiger Anbau statt.
Wertvolles Holz
Das Holz der Edelkastanie ist besonders dauerhaft und auch für den Außenbereich geeignet. Viele Spielgeräte auf Spielplätzen sind aus Kastanienholz, auch beispielsweise in der Lawinenverbauung wird es eingesetzt. Es ähnelt stark unserem Eichenholz, ist ebenfalls schwer, hart und ringporig aufgebaut. Ein großer Vorteil, den die Edelkastanie gegenüber unseren Eichenarten hat, ist die ausgesprochen starke Wuchsleistung in der Jugend. Bei richtiger Pflege und einem guten Standort sind Stammstärken von 60cm in 60 Jahren möglich.
Standortsansprüche
Die Edelkastanie bevorzugt saure, gut durchlüftete Böden, besiedelt aber auch basische Böden, wenngleich sie jedoch keinen freien Kalk im Oberboden toleriert. Ebenfalls gemieden werden schwere Tonböden und stark stau- oder grundwasserbeeinflusste Standorte. Bezogen auf den Wasserhaushalt ist sie genügsam. Damit sie gut wächst, ist sie aber für Niederschläge über 600mm dankbar.
Als wärmeliebende Art fühlt sie sich bei Jahresmitteltemperaturen von 8-14°C am wohlsten. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass sie spätfrostempfindlich ist, daher sollten Muldenlagen und andere Kaltluftzonen gemieden werden. Auch erträgt sie nur wenig Winterkälte. Kürzere Trockenperioden übersteht die Esskastanie oft schadlos. Standorte mit sehr steinigem Boden und langanhaltender Trockenheit führt jedoch zur Anfälligkeit gegenüber Schadorgansimen.
Aufgrund der mediterranen Standortansprüche ist die Esskastanie vielerorts in Zukunft grundsätzlich gut für unser wärmer werdendes Klima in Bayern geeignet. Standorte mit freiem Kalk im Oberboden, wie im Jurabogen, der Schotterebene oder in den Kalkalpen bleiben ungeeignet. Hochlagen wie in der Rhön, im Fichtelgebirge und des Bayerischen Waldes werden auch künftig ausgeschlossen sein.
Einbringung der Kastanie
Edelkastanien werden meist als Reinbestand in Gruppen- bis Horstgröße (900-3600m²) auf freier Fläche gepflanzt. Als Lichtbaumart benötigt sie naturgemäß viel Licht. Bei der Saat ist ein Zaun, aufgrund der ausgesprochenen Beliebtheit der Früchte bei Schwarzwild, unabdingbar. Grundsätzlich gilt für die Edelkastanie: je geringer die Durchschnittstemperatur ist, desto mehr Licht benötigt sie. Die Edelkastanie ist in ihrer Krone relativ sensibel, weshalb eine frühzeitiger Kronenausbau essentiell für den späteren Zuwachs und die zügige Erreichung des Zieldurchmessers ist.
Nicht ganz risikofrei
Risikofaktoren bestehen außerdem noch gegenüber Schneebruch und einem eingeschleppten Schlauchpilz, der den Kastanienrindenkrebs hervorruft. Dieser zerstört das Kambium, was zur Folge hat, dass der Baum nicht mehr forstwirtschaftlich nutzbar ist und abstirbt. Aktuell werden Herkünfte erprobt, die resistenter gegenüber dem Krebs sind. Auch die Tintenkrankheit kann massive Schäden verursachen. Auslöser sind Phytophthora-Pilze die über die Wurzeln eindringen und zu Welkeerscheinungen und einen Zurücksetzen der Krone führen.
Ökologisch interessant
Ökologisch betrachtet bietet die Edelkastanie einige Vorteile. Ihre länglichen stark „gesägten“ Blätter sind sehr gut abbaubar und wirken sich positiv auf die Humusqualität aus. Außerdem bieten die Früchte und die intensiven Blüten Nahrung für verschiedenste Tierarten. Im hohen Alter neigt die Edelkastanie zur Höhlenbildung und in der rauen Borke finden Insekten Unterschlupf. Obwohl die Edelkastanie ursprünglich bei uns nicht heimisch ist, integriert sie sich doch gut in unser Ökosystem.
Eine lohnenswerte Baumart
Ist eine dauerhafte und konsequente waldbauliche Förderung gegeben, liefert die Edelkastanie auf dem richtigen Standort zuverlässig und bei einer kurzen Umtriebszeit, hochwertiges Holz.
Auch wenn es Risiken für die Pflanzung von Esskastanien gibt, werden diese durch die positive Prognose insgesamt aufgewogen. Je weiter die klimatische Erwärmung fortschreitet, desto einfacher wird es die Edelkastanie haben. Daher lohnt es sich definitiv, über sie als ergänzende Baumart nachzudenken. Auf lichtreiche Freiflächen, die infolge von Sturm oder Borkenkäfer entstanden sind, kann die Edelkastanie eine gute Ergänzung zu Eichenarten und anderen klimatoleranter Laubbaumarten sein.
Interessante LWF-Veröffentlichung
Einen sehr guten Überblick zur Edelkastanie und weitere interessante Baumartensteckbriefe finden sich im Band II der „Praxishilfe Klima-Boden-Baumartenwahl“ der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Darüber hinaus wird im neuen 1-tägigen Kurs „Baumarten für den Wald von morgen“ der Waldbauernschule auch auf die Edelkastanie eingegangen.